Predigt für Sonntag, den 26. 07. 2020

© Christian Carstens
Veröffentlicht am Sa., 25. Jul. 2020 17:00 Uhr
Neuigkeiten

Lesung und Predigt für Sonntag, den 26. 07. 2020: 

 Hebräer 13, 1-3 

1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.

2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.

Liebe Gemeinde,

Hochsommer, Ferien- aber doch, liebe Gemeinde, alles ganz anders als gedacht. Der heimische Balkon wird zum Refugium, der Garten zur Oase. Sicher: vieles war zum Erliegen gekommen und wie der Süden ohne die Mengen an Touristen leben soll, wie es heimischen Gewerbetreibenden, Gastronomen geht, sind ernst zu nehmende Fragen. 

Lange hat es bis zur Öffnung gebraucht. Unser Predigttext heute geht auf den Gedanken der Gastfreundschaft ein und steht im Hebräerbrief, einem der späteren Texte des Neuen Testamentes. Bleibt fest in der brüderlichen Liebe zueinander, vergesst die Gastfreundschaft nicht. Ausharren mussten wir dieses Jahr, eine Entbehrung war es. Uns fehlten die herzlichen Gesten und vieles, was unser Miteinander ausmacht. Gastfreundschaft ist hier ein Stichwort: offene Türen gab es zeitweise nur wenige- ganz zu schweigen davon, dass sowieso alles geschlossen hatte. Aus Angst allerdings hatten sich auch viele zurückgezogen. 

Trotzdem: Gesten der Solidarität- auch dankenswerterweise hier in unserer Gemeinde. Aber immer dieser Abstand, Distanz halten, für viele Gebot der Stunde, im täglichen Leben oft hingegen schmerzhaft. Der Hebräerbrief weist auf den Begriff der Gastfreundschaft hin, der in seiner Bedeutung auch mit Fremdenliebe gleichzusetzen ist. Zwei gehören mindestens dazu: derjenige, der eintritt und einer, der willkommen heißt. Weiter fährt der Schreiber fort: denkt an die Gefangenen, als wäret ihr Mitgefangene, an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt. 

Mitten im Sommer, auf dem Höhepunkt des Jahres, taucht hier ein Gedanke an ein Ende auf. Solange wir im Leibe leben heißt es. Normalerweise kosten wir unser Leben gerade jetzt voll aus, genießen mit Leib und Seele. Schon die Kleinsten erzählen stolz nach den Ferien, was sie alles erlebten. Dieses Jahr hingegen, liebe Gemeinde, war und ist gänzlich anders und hinterlässt Fragezeichen. Gewohnheit sah und sieht anders aus. Noch ist nicht alles ganz wie vorher, sagen einige. Wir sind vielleicht vorsichtiger geworden, zurückhaltender. 

Seid gastfreundlich, nehmt also Fremde auf. Worte mitten im Sommer, in einer Zeit, in der uns manches noch befremdet. Der oder die Nächste hinter der Maske, das Leben auf einem Planeten, dessen Klima sich wandelt, ein trockenes Frühjahr, jetzt Wirtschaftsschwierigkeiten. Und dann eben dieses Virus, das gewissermaßen als ungebetener Gast kam. Zu vieles mutet fremd an und lässt uns mit diesen Themen kaum einen Umgang finden. Da ist immer mehr, zu dem wir auf Distanz gehen und Worthülsen bilden anstatt Lösungen zu finden. 

Überforderung, liebe Gemeinde und auch die Tendenz, sich aus all dem ein Stück weit herauszunehmen, das Glück in den eigenen vier Wänden vermehrt zu suchen. Verordnet war das beinahe ohnehin. Gebunden waren wir und vieles, was uns unfrei machte und Fesseln anlegte, drückt.

Seid bei den Gefangenen, den Misshandelten. Bleibt gastfreundlich und liebt Fremde.

Vieles wird und wurde uns fremd, liebe Gemeinde. Aber wie offen waren wir vorher eigentlich für das Fremde? Ich will das einmal nicht gleich personifizieren. Deshalb neutral: wir und das Andere oder: sich für anderes öffnen.

Das Virus war etwas, mit dem wir hingegen kaum einen Umgang fanden. Es hat uns in extremer Weise herausgefordert. Aber ansonsten: welchen Zugang fand das Andere- ganz offen formuliert- eigentlich noch in unserem Lebensmodell? Ganz ehrlich: vieles war doch eigentlich rein auf unsere Bedürfnisse und unsere Vorstellungen zurecht-geschnitten. Was der Kunde verlangt, wird gemacht. Der Kunde ist König. Geht nicht? Gibt's nicht! Amerikanische Floskeln prägten uns und arrangieren mussten wir uns mit anderen Umständen eher nicht. Ein Lebensmodell hier, das die individuellen Bedürfnisse oben angestellte- oft hingegen auf Kosten des Klimas oder zulasten derer, die im Servicebereich hart arbeiten. Ein netter Urlaub im Süden mit allem Komfort für wenige hundert Euro machte das deutlich. 

Andererseits grenzten uns unsere Ansprüche, unsere Vorstellungen auch auf das uns Bekannte ein. Das Virus, liebe Gemeinde, konfrontierte uns und wir merkten, was sich alles an Wünschen angereichert hatte und was plötzlich einfach nicht mehr ging. Leider fiel der Kontakt zueinander auch darunter. Wir und das andere. Wir und das uns Fremde. 

Oft mussten wir uns vorher eher nicht auf Neues einstellen und waren die Person, auf die sich alles bezog. Vielleicht hat uns das Leben in den letzten Monaten gezeigt, dass es doch eben Situationen gibt, die der Hebräerbrief beschreibt. Dass wir mit anderen Lagen leben werden- die Öffnung hin zum Unbekannten. Das mag für viele wie eine Bürde klingen, die Angst vor dem noch Fremden, das wir allein nicht in der Hand haben! Unser Leben dann ohne das, was wir sonst erwarten, kennen, einfordern oder gewohnt sind und was uns möglich gemacht wurde- ohne den bekannten Rahmen. 

Nur, eines frage ich: ist das alles? Wäre das Andere- abgesehen vom Virus- nicht auch eine Entdeckung wert. Mehr als das eigene Ich…. Das Fremde und Andere als ein neuer Aspekt und wir, die Durst haben nach Weite und die Türen öffnen.

Womöglich - einmal von der hoffentlich bald überstandenen Situation abgesehen- werfen wir doch einen Blick auf das Andere oder auf die, die gefangen waren in ihrer Lebenssituation, auf die, die litten.

Vielleicht aber nehmen wir auch jemanden auf, der uns von einer unglaublichen Weite, von Gnade und Liebe berichtet, einen, der Trost und Hoffnung kennt. Gott selbst- denn: ohne es zu ahnen, so sagt es der Hebräer, haben einige einen Engel, Gottes Boten, beherbergt.

Amen

Euer/Ihr

Chrisian Carstens

 

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