Predigt „Vergibt Gott unsere Schuld?“ , 28. Juni 2020

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Veröffentlicht am Sa., 27. Jun. 2020 17:00 Uhr
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Micha 7, 18-20

Liebe Gemeinde, 

wenn ich verliebt bin, dann schwebe ich auf Wolke sieben. Dann genieße ich eines der schönsten Gefühle der Welt. In solchen Momenten kann mir nichts die Laune verderben. Dann stören mich keine Socken, die unaufgeräumt in der Ecke liegen, und kein Geschirr, das nicht abgewaschen ist. Und wenn sie beim Einkauf die Hälfte vergessen hat, fahre ich gerne nochmal los.

Alle Ticks und Marotten sind mir dann ganz egal.

Kennen Sie auch solche Momente? Wenn jemand diesen absolut parteiischen Blick der Verliebtheit hat, sagen wir gerne: Sie oder er hat die rosarote Brille auf.

Oft ist das ein bisschen abfällig gemeint. Da schwingt dann etwas mit von: Der ist parteiisch, kann nicht objektiv urteilen, sieht nicht, was wirklich ist.

Natürlich stimmt das alles. Wir haben ja alle Fehler und Schwächen und machen ständig Dinge falsch. Und dennoch:

Dieser verliebte Blick - ich finde ihn wunderbar. Ich denke, es gibt kaum eine schönere Art jemanden anzuschauen. 

Wenn ich mich selbst ansehe ist es anders. Da bin ich oft strenger. Das fängt schon mit dem morgendlichen Blick in den Spiegel an. Wer steht da schon und denkt sich: Ja! Ich bin wunderschön. Ebenbild Gottes, genau so, wie ich bin? Viel zu wenige. Wir konzentrieren uns lieber auf unsere Problemzonen.

Manchmal geht der Tag nach dieser Ouvertüre genauso weiter: Kritisch beäugen wir unsere Entscheidungen im Beruf, in der Familie und im Freundeskreis. Ich kenne das auch: „Wenn ich im Gespräch noch dieses eine angesprochen hätte, dieses eine Bild noch gebracht hätte, das wäre doch so tröstlich gewesen.“ Natürlich kommt mir der Gedanke erst auf dem Weg nach Hause und ich ärgere mich.

Tatsächlich: Die meisten von uns sind sich selbst ganz gute Kritiker. „Selbstverliebt“ möchte ja auch keiner sein. Doch manchmal denke ich:

Ein etwas gnädigerer Blick auf uns selbst, die Bereitschaft uns selbst Fehler zuzugestehen, würde uns ganz gut tun - den Einzelnen und auch unserer ganzen Gesellschaft. 

Schließlich gibt es neben der rosaroten Brille und dem strengen Blick in den Spiegel noch eine dritte Art andere anzusehen. Es ist wieder eine Brille, ich erlebe sie bei anderen, und kenne sie von mir selbst. Ich nenne sie:

Die schrecklich graue Brille. Wenn wir durch sie schauen, sehen wir nur die Fehler der anderen. Dann regt uns jeder Satz der anderen auf, ist total daneben. „Typisch, mal wieder!“ Dann ist alles, was der oder die andere macht, falsch. „Wie kann man nur?“ Die schrecklich graue Brille sitzt auf unserer Nase, wenn wir jemanden sowieso nicht mögen. Oder wenn jemand in ein Gebiet vordringt, das uns heilig ist. Ich habe sie auch schon oft entdeckt, wenn wir gestresst sind. Wenn sowieso alles zu viel ist, wenn die to-do-Liste im Kopf immer länger wird und für nichts richtig Zeit ist, dann springen wir gerne auf jeden kleinen Fehler an, den der andere macht. Manchmal werden wir dann mit der schrecklich grauen Brille auf der Nase so richtig ungerecht und auch verletzend. Obwohl wahrscheinlich fast jeder zustimmen würde, dass diese Brille möglichst nicht auf unserer Nase sitzen sollte, erlebe ich immer wieder, wie andere oder auch ich selbst plötzlich grau sehen. 

Durch welche Brille schaut wohl Gott, wenn er uns Menschen ansieht? Durch die schrecklich graue Brille: Als strenger Richter, der sich auf unsere Fehler konzentriert und keinen vergisst?

Oder doch durch die rosarote Brille: Mit gnädigem Blick, trotz all unserer Fehler? 

Denn dass wir Fehler machen, da müssen wir ja gar nicht drum rum reden.

Niemand, der lebt und handelt, kann es immer vermeiden Schuld auf sich zu laden. 

Einer, der ein Leben lang mit dieser Schuld gehadert hat, war Martin Luther.

Luther lebte in riesiger Sorge vor einem strafenden Gott. Er hatte eine Höllenangst, so wie er war, vor Gott nicht bestehen zu können.

Schreckliche Nächte muss er so durchlebt haben! Bis er eines Tages das berühmte Turmerlebnis hatte: Luther hatte eine Erkenntnis, die sein ganzes Leben verändern sollte, und ihn zu dem Theologen machen, den wir heute kennen. Luther fand, als er in einer Kammer oben auf einem der Türme der Wartburg saß, nicht weniger als den gnädigen Gott.

Einen Gott, der uns nicht bestrafen möchte, sondern die Versöhnung sucht.

Einen Gott, der die Kraft der Vergebung kennt und sie uns verspricht.

 

Denn: Gott ist verliebt! Verliebt in seine Schöpfung. Und wie alle Verliebten verzeiht er uns auch unsere Fehler. Das ist die Erkenntnis, die schon der Prophet Micha in unserem Predigttext hatte:

 

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!  Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. (Mi 7, 18 ff) 

Wer war dieser Micha, der es hier bis in unseren Gottesdienst geschafft hat? Micha war ein Prophet, der ca. 700 v. Chr. lebte. Als Landbewohner erlebte er Unfrieden ganz real. Er sah Ungerechtigkeit von Entscheidungen, die in der fernen Zentralregierung in Jerusalem getroffen wurden. Er sah Korruption, Bestechlichkeit und Günstlingswirtschaft.

Micha findet starke, prophetische Worte, in denen er diese Zustände kritisiert. Für Micha ist klar: Diese verfehlten Zustände im Innern werden Verderben für alle bringen.  

Seine ausdrucksstarken Worte behielten für die Menschen Kraft, über das Leben von Micha hinaus. Als 150 Jahre später Jerusalem zerstört wurde, sahen die Menschen Michas Prophetie bestätigt.  

Der theologische Clou des Buches Micha ist bis heute aktuell:

Micha ist der Überzeugung, dass eine Befreiung der Menschen aus ihren Schuldverstrickungen nicht von den Menschen allein vollbracht werden kann, sondern nur mit Gottes Hilfe.

Pointiert wird der Clou des Michabuches in unserem Predigttext auf den Punkt gebracht:   

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!  Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.  

Gott selbst ermöglicht neue Lebensverhältnisse, indem er Schuld vergibt.  

Das eröffnet einen neuen Freiraum. Einen Raum, den wir dringend brauchen.

Zum einen, weil diese radikale Bereitschaft zur Vergebung uns selbst herausfordert: Dass auch wir vergeben und lieben.

Zum anderen aber auch, weil es immer wieder Situationen gibt, in denen wir nicht vergeben können. Weil jemand uns oder anderen etwas so Schlimmes angetan hat, dass wir, auch wenn wir es versuchen, nicht darüber hinweg können.  

Da, wo wir vor lauter Trauer und Unverständnis über schlimme Taten nicht vergeben können - genau da hält Gott einen Freiraum offen.  

Denn Gott ist verliebt.

Und das ist eine der wunderbarsten Entdeckungen unseres Glaubens! Amen.

 

Ihr Pastor Fabio Fried

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