Predigt für den 17. Mai 2020

© Christian Carstens
Veröffentlicht am Sa., 16. Mai. 2020 16:00 Uhr
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Der Predigttext im Evangelium des Matthäus im 6. Kapitel, Verse 5- 15, für Sonntag, den 17. Mai – Rogate:

Ma5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.

8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

9 Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel!

Dein Name werde geheiligt.

10 Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

11 Unser tägliches Brot gib uns heute.

12 Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

13 Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.

15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Liebe Gemeinde,

der Sonntag Rogate ist erreicht- zu deutsch: betet- und damit ein ganz ruhiger Eingang in diese Woche nach Ostern noch vor Himmelfahrt und Pfingsten- eher Besinnung, innehalten in der aufblühenden Jahreszeit im Mai- aber nach langer Zeit auch wieder hier in unserer

Kirche. Auch Jesus geht es um das Beten. In seiner längsten öffentlichen Ansprache, der Bergpredigt, geht er vor dieser großen Menschenmenge darauf ein. Beten, beinahe ist das aus unserem öffentlichen Leben verschwunden- vielleicht haben einige zuletzt dazu wieder gefunden .

In anderen Kulturen, Religionen hingegen sichtbar praktiziert. Auch damals wohl auf den Straßen der Dörfer, der Städte allgegenwärtig, wobei es Jesus ein Dorn im Auge ist- in dieser Form zumindest. Seid nicht wie die Heuchler, die in den großen Synagogen, an den Straßenecken stehend beten, damit sie alle sehen. Plappert nicht so viel dabei wie die Heiden, die meinen, erst dann erhört zu werden. Geht lieber in euer Kämmerlein, schließt die Tür zu, woraufhin Jesus dann das Vaterunser anfügt.

Über das Gebet der Christenheit will ich heute, liebe Gemeinde, nicht allzu viele Worte verlieren. Nachher sprechen wir es noch. Die Umstände aber interessieren mich. Selbstdarstellung, Schauspiel, nein, genau das soll das Beten nicht sein. Kein Schwall aus Wörtern, Worthülsen. Seid nicht wie die Heuchler, spielt anderen nichts vor. Harte Worte, die Jesus an dieser Stelle findet und uns, liebe Gemeinde, auf eines aufmerksam macht: die Öffentlichkeitswirksamkeit. Vielleicht kommen wir hier mit. Auch unser Zeitalter spielt sich wenig zurückhaltend ab.

Alle tun ungefragt ihre Meinung kund, stellen sich gezielt dar und legen dar, was sie vertreten- ob politisch, wie sie sich ernähren, was sie richtig finden im Verhalten. Gerade auch in Zeiten der Krise deutlich- was vertrete ich. Wenig ist noch privat- ganz im Gegensatz zu dem Raum, den Jesus uns, seinen Zuhörern eröffnet. Geh in dein Kämmerlein, schließe die Tür zu und bete zu Gott, der im Verborgenen ist, der genauso in das Verborgene sieht. Er wird es dir vergelten.

Ein Raum für sich, für uns, liebe Gemeinde! Ja, wir hatten, beinahe davon zu viel- Zurückgezogenheit nahezu verordnet.

Aber ansonsten: Wenig ist anonym, wenn das Leben wieder voll anläuft. Informationen geben wir preis und überall sind Bilder, Klänge der Medien. Knöpfe im Ohr, den Blick auf das Smartphone gerichtet- hier bei Matthäus nichts dergleichen. Befremdet uns das, was wir erlebten und mutet es uns etwas zu? Stille auf längere Sicht, wie auch manchmal in der Nacht, Schlaflosigkeit, auch tagsüber Sorgen um die Familie, die Kinder, wer bleibt zu Haus, wer passt auf. Schaffe ich meine gesteckten, anvisierten Ziele, was läßt sich nicht mehr realisieren, wie steht es um meinen Beruf? Wie kann ich ein gutes Elternteil sein und vieles daheim ausgleichen? Wie gehe ich mit Schuldgefühlen um, mit Enttäuschungen, Angst. Lass ich andere das spüren?

So ein stiller Raum, liebe Gemeinde, kann sehr laut werden und uns das preisgeben, was bisher sogar länger schon verborgen war, was wir vielleicht Tag für Tag verhüllen und morgens so tun, als sei nichts.

Hier aber eben nicht die Einsamkeit, die Lehre, das Nichts, was uns einholt. Nein, bete du zu Gott, deinem Vater, der im Verborgenen ist! Gott, der also da ist, wo wir oft, liebe Gemeinde, eine Decke des Schweigens über alles warfen. Bete zu ihm, der in das Verborgene sieht.

Genau hier endet das tägliche Versteckspiel, hier darf genau das anklingen, was wehtut, wo es nicht reicht und etwas liegen bleibt. Er, Gott, der da ist im Gebet, dem wir uns zuwenden, der genauso auch uns dann zuhört. Gut, dass es das gibt, liebe Gemeinde, dieses du und ich, ich und du zwischen Gott und uns!

Es bleiben noch die in der Erzählung bei Matthäus übrig, die alles kundtun, extrovertiert Leben. Das sind nicht nur Einzelne, es ist heute Zeitgeist- wird es nach der Krise bestimmt leider erneut sein. Warum ist das so- damals wie heute? Ich glaube, das zu verstehen. Denn: was ist, wenn einem im wahrsten Sinne diese Räume fehlen, in denen Platz ist für alles noch Verdeckte, für das, was drückt und wir nicht kundtun können. Für das, was wirklich ist im Leben.

Was ist, wenn die geliebte Person an meiner Seite- Partner, Freund, Familienmitglied- nichts hört, gerade, wenn wir uns Luft machen müssten? Was, wenn immer mehr auf die faszinierenden Geschichten in Medien und Netzwerken blicken und das andere Leben, die andere Seite vergessen. Was ist, wenn viele das Beten verlernt haben zu dem, der mit uns in Dunkelheit schaut und bleibt?

Ja, liebe Gemeinde, vielleicht bleibt dann nur die Flucht nach vorne. Dann bleibt nur das Schauspiel, die Fassade vor anderen, die Inszenierung von einer heilen, perfekten Welt, in der wir allem immer gerecht werden- aber diesen Anspruch damit auch vermehrt in die Welt zurückgeben. Aber wo hört das auf und wann ist nach oben ein Ende zu sehen?

Gut ist es, dass Gott uns diesen Raum schenkt, den weiten Raum, um alles einmal offen auszusprechen, ihm viel zu sagen, zu beten in aller Ruhe und Verborgenheit. Das Vaterunser im Himmel: vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben werden.

Schade allerdings, liebe Gemeinde, wäre es, wenn wir eines im stillen Kämmerlein, hinter Schloss und Riegel einschließen würden: die Gnade, den Zuspruch, den Gott schenkt, seine Hinwendung auch für das oftmals Unausgesprochene. Genau diese Liebe gehört mitten unter die Menschen, wieder auf die Straßen der Städte, dieses Verständnis für Engpässe im Leben und die Annahme auch untereinander. Wir brauchen das Akzeptieren eines ehrlichen Lebens, gerade hier, auf dass sein Reich komme, im Himmel wie auf Erden.

Amen

Und Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre und stärke unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Bleiben Sie behütet,

Ihr PastorChristian Carstens

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