Predigt am 26. April 2020

© Christian Carstens
Veröffentlicht am Sa., 25. Apr. 2020 17:00 Uhr
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Das Evangelium des Johannes im 10. Kapitel - 26. April 2020: 

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –,

13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

15 wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.


Misericordias Domini- die Güte des Herrn. So heißt dieser Sonntag, liebe Gemeinde, so kurz nach dem Osterfest. Zudem lesen wir aus dem Johannesevangelium, das ein passendes Motiv bereithält- das des guten Hirten. Hirten muss man allerdings erst einmal finden. Schäfer sagen wir hier im Norden eher dazu, in der Heide, am Deich- aber auch ein Beruf, der Nachwuchssorgen hat. Früher hingegen die großen Herden samt Hütehunden, die von den Hirten über das Land getrieben wurden. 

Heute ein Aufdruck: griechischer Hirtenkäse beim Discounter. Und zudem: Christus der Hirte, eine der ältesten Darstellungen der Christenheit, in Katakomben und alten Basiliken. Warum nur diese Abbildung? Und das so häufig! Gerade anfänglich! Das Johannesevangelium liefert uns die Zeilen. Es sind Aussprüche Jesu: ich bin der gute Hirte.

Fürsorge und Verantwortung klingen hier mit. 

Genau beschrieben wird auch die Tätigkeit: Hirte und Herde sind unzertrennlich, gerade, wenn Bedrohung naht. Einer, der sorgt- ein Herzensanliegen. Der bezahlte Knecht hingegen, so sagt es Jesus, ist eher einer, der flieht, sobald der Wolf kommt. Diese Worte erzählen uns, liebe Gemeinde, nicht nur von vergangenen Tagen. Ich finde sie hochaktuell. Das gerade in unserer Gegenwart, in der es sich lohnt, hierüber einmal nachzudenken- auch, wenn wir den Berufstand kaum noch vorfinden. 

Für mich sind diese Zeilen befreit von jeglicher Romantik. Einer, der wirklich bleibt, der Verantwortung kennt und etwas leidenschaftlich tut. Ganz anders hingegen der, der einfach nur bezahlt wird und dessen Aufgabenbereich schnell endet, der sich nicht identifiziert mit seiner Tätigkeit. Aus dem Sprachgebrauch könnte ich drei Worte aufzählen: Dienstleistungssektor, Privatisierung, Privatsphäre. 

Oder anders gefragt: kennen wir, liebe Gemeinde- nicht auch gerade nach der letzten Zeit- Situationen, in denen wir uns alleingelassen fühlten? Wer bleibt wirklich bis zum Schluss und in aller Konsequenz? Die Frage möchte ich gerade in einer Welt diskutieren, in der zunehmend alles als eine Dienstleistung verstanden und abgerechnet wurde, in einer Welt, in der damit auch eine begrenzte Verantwortung bewusst geschaffen wurde und jetzt anderes so dringlich gebraucht wird. In einer Welt, in der zum Beispiel Krankenhäuser und vieles aus dem öffentlich- sozialen Bereich privatisiert wurde und in der man sich selbst mehr und mehr am nächsten war- bis diese Wochen kamen. 

Zunehmend entstand ein Bild von uns selbst- nur wir, wir, die zur zentralen Figur wurden. Imagepflege- noch so ein Wort. Dabei ist doch die Frage, wer bleibt, durchaus relevant. Meines Erachtens begegnen wir ihr irgendwann im Leben sowieso. Wer steht alternden Eltern zur Seite oder Alleingebliebenen, Jugendlichen, die einfach ein Ohr oder Rat brauchen. Wer stärkt nach Rückschlägen im Leben. All das mussten wir neu denken und haben es an vielen Orten wunderbar geschafft. Dank auch denen, die hier so wunderbar halfen!

Nur: war der Rückzug aus dem öffentlichen Leben vorher wirklich der richtige Weg, zumal diese Themen uns selbst auch unmittelbar berühren werden? 

Kann, liebe Gemeinde, ein privatisiertes Umfeld all das auffangen und noch leisten? Jeder Pflegedienst kostet zu Recht, muss aber die Minuten auch zählen. Und wie werden die- obendrein angemerkt- bezahlt, die in sozialen Berufen so hart arbeiten, mit Herz dabei sind und hier so vieles aufrecht erhalten haben, über ihre Grenzen hinausgegangen sind?

Ich bin der gute Hirte und bleibe, wo andere fliehen. Ich erkenne meine Schafe und sie mich. Und wörtlich bei Johannes im Evangelium: ich gebe mein Leben hin. Hingabe also, Zuwendung! Wandten wir uns nicht zunehmend uns selbst zu? Anders: ich kenne meine Schafe. Gibt es, liebe Gemeinde, einen Hirten, der um uns weiß? Um jemanden wissen, also jemanden verstehen. Der gute Hirte, Gott selbst, der um uns weiß, uns hört und bleibt. Das ist Gnade, Güte und Einsatz aus Liebe heraus. 

Ja, dieser Hirte, liebe Gemeinde, er war immer das Symbol unserer Religion, des Christentums! Und das schon in frühesten Tagen. Ein Gott, der nicht weicht, nicht aufhört oder seinen Stecken und Stab fallen lässt, wenn das Geld einmal nicht stimmt oder die Zeit abgelaufen ist. Gnade, immer eine Beziehung zu jemandem. Um jemanden, um uns und andere wissen, genauso, wie Gott unser Gegenüber sein will- untrennbar verbunden. Unser Glaube, unsere Hoffnung sind auf ihn hin ausgerichtet. 

Ich bin. Diese Worte spricht Jesus aus- allerdings im Hinblick auf eine Beziehung zu anderen. Ich- vor einiger Zeit hingegen ein stark abgegrenzter Begriff und mehr die Sorge um sich selbst, um das gepflegte Ego. Hoffentlich haben die letzten Wochen die Welt gewandelt, haben wir aus allem etwas gefolgert. Die Welt draußen, in der jede und jeder für sich selbst immer mehr Verantwortung tragen musste. Die Welt, die das als ökonomisches System so abbildete und in der viele auf sich zurückgeworfen wurden. 

Ich halte trotzdem mit Freuden an diesem etwas veralteten Bild eines Hirten fest. Gerade heute! Vielleicht lohnt es sich, einmal Gottes Blick einzunehmen und auf unser Gegenüber zu schauen. Vielleicht bleibt der Blick hängen oder Freude am Miteinander und das Gefühl füreinander wachsen weiter- genauso wie vielerorts in diesen Tagen.

Zu wem wurden wir und werden wir hoffentlich auch weiterhin?

Ich bin- sicherlich mehr, liebe Gemeinde, als mein eigenes Spiegelbild. Ich bin Freund, Partner, Vater, Mutter, Kind oder Nachbar, eben Teil einer Gesellschaft und vor allem Teil einer Gemeinschaft, dessen Gegenüber Gott ist. Gott, der stärkt, der Güte, sich selbst und Hingabe schenkt und uns noch so vieles mehr sein lässt auf der großen Weide, die sich seine Welt nennt.

Alles Gute,

Ihr Pastor Christian Carstens


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