Predigt "Beide Hände voller Liebe" zum 5.4.2020

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Veröffentlicht am Fr., 3. Apr. 2020 21:45 Uhr
Neuigkeiten

Predigt „ Beide Hände voller Liebe“ Markus 14, 3-9

Palmarum, 5.4.2020

Pastor Fabio Fried


Die Predigt hören Sie hier als Predigtpodcast



Liebe Gemeinde,

kann das Liebe sein?

Den Begleitern Jesu zumindestens platzt der Kragen: Was bildet sich diese Frau sich eigentlich ein? Die hält sich wohl für was ganz besonderes! Wie kann man nur so unvernünftig sein?

Was war passiert, das die Jünger so auf die Palme bringt?  

Wir hören es im Predigttext im Markusevangelium: Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.  Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?  Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.  Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.  Wahrlich, ich sage euch: 

Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. (Mk 14, 3-9)

So war es. Stein des Anstosses war also die Tat einer Frau.

Jesus und die Jünger waren damals im Haus Simons zu Gast. Wahrscheinlich waren sie müde. Jesus hatte gerade eine lange Rede über die Endzeit gehalten, kein leichter Stoff.

Und überhaupt: Die Jünger waren mit Jesus ja ständig unterwegs, zogen durchs Land, wussten oft morgens noch nicht wo sie Abends schlafen werden. Und nun am Abend, waren sie gewiss müde und erschöpft. Vielleicht wollten sie auch einfach mal ihre Ruhe haben, etwas Zeit mit Jesus allein verbringen, sich erholen.

Und dann kommt schon wieder jemand: Diese namenlose Frau.

Und sie tut unerhörtes: Sie bringt  Öl in einem wertvollen Gefäß mit. Gutes Öl war damals eine echte Kostbarkeit.Die Frau nimmt es -  und gießt es einfach auf den Kopf von Jesus. Sie salbt ihn. Und das ist der Moment, in dem einigen der Kragen platzt.

Allerdings: Ihre Argumente klingen eigentlich ziemlich überzeugend, auch nach 2000 Jahren noch. Sie sagen nämlich: Dieses Öl ist so wertvoll, wenn man das verkauft hätte, wären die eigenen Taschen nun voller Geld. Und mit diesem Geld hätte man doch den Armen helfen können. Denen die nichts haben und die dringend auf Hilfe angewiesen sind.

Und was soll ich sagen? Für sich gesehen haben diese Jünger doch vollkommen recht.

Wenn man ehrlich ist, dann ist es doch die Stimme der Vernunft, die hier laut wird.

Einmal nüchtern sehen, was möglich ist. Versuchen mit dem zur Verfügung stehenden Mitteln das beste für möglichst viele zu erreichen. Sich beim eigenen Handeln an den Bedürftigen orientieren. Das sind Gedanken, die mir ehrlich gesagt sehr nah sind.

Wenn ich damals mit am Tisch gesessen hätte: Vielleicht hätte ich etwas ähnliches gesagt. Die Jünger auf jeden Fall fahren die Frau regelrecht an, so sehr bringt sie die Verschwendung aus der Fassung.

Und Jesus? Er Solidarisiert sich mit der Frau, stellt sich an ihre Seite. 

Damit löst er zunächst einmal die bedrohliche Situation auf: Alle gegen eine Frau, die deutlich hörbar angegangen wird.

Und Jesus erklärt. Sie hat getan, was sie konnte sagt er. Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt zu meinem Begräbnis sagt er und spricht so schon vom Karfreitag. Man merkt deutlich: Die Karwoche beginnt nun. Und er sagt: Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Und dieses Werk hat Jesus offensichtlich so beeindruckt, dass er mit der steilen Ankündigung endet: „Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“

Was was soll ich sagen? Er hat recht behalten. Heute, im Jahr 2020, hören und sprechen wir über diese Frau.

Woran liegt das? Vielleicht weil ihre Tat zwar nicht die sinnvollste war, nach einer längeren rationalen Abwägung aller Möglichkeiten. Weil sie aber ganz gewiss eine Tat voller Liebe war.

Die Frau möchte Jesus etwas gutes tun und legt all ihre Liebe, und gewiss nicht wenig ihres Besitzes, in diese Tat. 

Sie hat in dem Moment, in dem das Öl durch ihre Finger auf Jesus Kopf rinn, beide Hände voller Liebe.

Sie tut das, was ihr in diesem Moment ihr Herz sagt. Und sie berührt mit ihrer großzügigen Geste nicht nur Jesus, sondern auch heute noch viele von uns.

Und Jesus zeigt uns:

Vernunft und Herz lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Oft stand er während seiner Reisen bedingungslos an der Seite der Schwachen. Doch nun stellt er sich nicht an die Seite derer, die das Öl lieber zur Armenspeisung verkauft gesehen hätten, sondern nimmt das Geschenk der Frau an. Er freut sich und schätzt es wert. Und das ist gut.

Die Wahrheit ist: Wir brauchen nicht nur die reine Vernunft oder nur die ungehemmte unvernünftige Liebe - wir brauchen beides.

Denn es sind manchmal eben ganz besonders die Gesten der Liebe, die unsere Tage zum leuchten bringen. Sie sind auch ein Aufstand gegen den Gedanken: Eine einzelne Tat ändert ja eh nichts. Wenn man nicht etwas auf Dauer verändert und allen in Not hilft, dann hat es gar keinen Sinn überhaupt anzufangen. 

Stattdessen beweist die Tat der Frau: Eine einzelne Tat voller Liebe kann Menschen durch die Zeiten hinweg inspirieren und ihnen Kraft geben.

Und auch in diesen  Corona-Zeiten, in denen wir unsere Liebe und Fürsorge zu anderen zeigen müssen, indem wir Abstand halten, gibt es das. Zeichen besonderer Liebe.

Ich bin auch kürzlich so beschenkt worden: Freunde von uns, die selbst noch keine Kinder haben, haben Stunden damit zugebracht zuhause selbst Hörbücher aufzunehmen. Um diejenigen, die jetzt so viel Zeit mit den Kindern zuhause füllen, müssen zu entlasten.

Überall wird Liebe jetzt auf so wunderbare Weise geteilt. Menschen verschenken Lieder, Texte, Bilder oder auch ganz Handfestes zum anfassen. Und geben sich so gegenseitig Zeichen der Hoffnung.

Vielleicht gibt es ja auch in ihrer Nähe Menschen, die sie beschenken können?

Ganz egal ob Nachbarn, Freunde oder Familie: Es gibt so viele, die sich gerade in diesen Zeiten über Zeichen der Liebe freuen.

Denn gerade in Krisenzeiten ist es so wichtig zu spüren: Die Liebe hört niemals auf. 

Gottes Liebe begleitet uns, auch wenn wir Angst haben.

Sie wird uns auch durch die nun beginnende Karwoche begleiten. Ich denke sie kommt gerade zur rechten Zeit weil in ihr exemplarisch das ganze Leben steckt: Gemeinschaft und Verrat am Gründdonnerstag, Tod und Trauer am Karfreitag und den Sieg des Lebens, Lust und Freude am Ostersonntag.

All das werden wir miteinander teilen, auch wenn wir nicht am selben Ort feiern können.

Wir bleiben verbunden, durch Texte zum lesen und hören auf unserer Homepage, durch Gespräche am Telefon, durch Gebete und Gottes Gegenwart. 

Denn er ist da - bei uns allen.

So wünsche ich euch:

Tage, in denen beide Hände voller Liebe sind. Und das Herz sowieso.

In denen ihr spürt: Ostern ist nicht mehr fern. 

Denn Gott geht alle unsere Wege mit.

Amen.

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