Predigt vom 22. März 2020

Veröffentlicht von Kerstin Benecke am Sa., 21. Mär. 2020 18:00 Uhr
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Evangeliumslesung von diesem Sonntag

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Die Lesung für Sonntag, den 22. März 2020- Lätare: Johannes 12, 20- 24 

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.

21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.

22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen's Jesus weiter.

23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

 

Mitten in diese Passionszeit, liebe Gemeinde, fällt dieser Sonntag- er heißt Lätare, zu deutsch: freuet euch. Ein klarer Ausblick auf das Osterfest- trotz allem.

Die Lesung dieses Sonntags steht im Evangelium des Johannes (Johannes 12,20-24). Das Passahfest naht. Menschen strömen nach Jerusalem, darunter auch einige weit gereiste Griechen. Sie wollen Jesus treffen, begegnen aber zunächst seinen Jüngern. 

Herr, sie wollen dich sehen! Die Jünger tragen Jesus ihr Verlangen vor, der aber keine Eile kennt und eher sonderbar reagiert. Er will sich noch nicht zeigen. Abwartend spricht er: wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, wird es viel Frucht bringen. Vielleicht, liebe Gemeinde, unverständliche Worte- gerade für die Griechen, die voller Erwartung den langen Weg angetreten hatten. Jesus spricht hier sein Sterben an und blickt noch weiter. 

Will man ihn wirklich kennenlernen, will man ihn verstehen, so gehört sein Tod, aber auch das Wunder an Ostern danach dazu. Daran aber wollen die Seinen oder auch die Besucher auf diesem Fest wirklich nicht denken. Was wäre, wüssten sie von seinem nahenden Ende? Ein Gleichnis spricht er mit dem Weizenkorn aus.

Stellen wir uns doch vor, es würde auf einen Acker geworfen, aufbrechen und ein Halm triebe aus. Genau in dieser Weise stirbt dieses Korn in seiner bisherigen Gestalt. Neues wird. 

Faszinierend ist es für mich: dieses Korn- so klein

es auch ist. In unserer Hand liegend ist es ein ganzes Wunder. Alles ist darin enthalten, ist schon gegeben und wartet darauf, eine Pflanze zu werden. Alles ist vorhanden. Nur, es muss dann doch aus unserer Hand fallen. Wir müssen es auf den Boden legen oder streuen. Nahezu überall wird es die junge Pflanze schaffen und Wurzeln schlagen. Alles ist gegeben in diesem Korn- alle Informationen. 

Schaffen wir es, liebe Gemeinde, Dinge aus der Hand zu geben- bis hin zum Leben in seinen gewohnten Bahnen? Die Frage ist gerade jetzt ein brennendes Thema.

Jesus spielt sogar auf sein Sterben an und gibt damit scheinbar alles aus seiner Hand, gibt sich hin. Und auch eben dieses Weizenkorn stirbt in einer Weise, will zu einer Pflanze werden.

Wenn wir wüssten, was alles auf uns zukommt, liebe Gemeinde- genauso, wie auf dieses Korn, das austreibt. Manchmal aber, so scheint es mir, wollen wir gleich vorbeugen und nichts abgeben. Wiederum der Blick auf ein Samenkorn: in der Gegenwart ist es mehr und mehr genmanipuliert. Optimiert trotzt es allen widrigen Bedingungen und kommt auf den Äckern weltweit zur Reife. 

Versuche gab es schon: die Genschere am menschlichen Erbgut. Noch vor der Geburt wird hier gesteuert. Es ist, als ließen wir jegliches Korn nicht einfach mehr auf die Erde fallen und uns unser Leben- sinnbildlich gesprochen- nicht aus der Hand nehmen. Jede Pflanze, die austreibt, soll optimiert werden und widerstandsfähiger werden. Somit wird alles um uns herum zunehmend angepasst. Gerade in diesen Tagen durchleben wir den absoluten Gegensatz zu dem, was wir bisher anstrebten. Alles muss irgendwie anders laufen und vorbereitet sind wir keinesfalls. Improvisation hat Hochkonjunktur. 

Bisher galt immer: die vernetzte Welt verspricht simpel schnelle Lösungen für alles. Apps helfen ab. Es galt, immer bessere Bilder von uns zu zeigen. Ja, liebe Gemeinde, vieles ließ sich endlos steigern. Wie merkwürdig all das anmutet im Hier und Jetzt. Ohne zu zögern hingegen zolle ich denen Respekt, die mit Hingabe am Fortschritt des Guten gearbeitet haben und sich darauf vor allem auch jetzt konzentrieren, wirklich Not zu lindern. Meine Bewunderung gilt der modernen Forschung, deren Erfolge Menschen hoffentlich bald heilen wird oder einer Forschung, die einer sauberen Umwelt und besseren Lebensräumen dient. 

Trotzdem: ich habe zunehmend eine Dynamik beobachtet, nicht nur alles von Anfang an gleich abzumildern oder vorzubeugen, sondern alle Bereiche nach dem Motto „da geht noch mehr“ zwanghaft zu perfektionieren. Eventuell deshalb dieser Gegensatz momentan. 

Die Griechen bei Johannes im Evangelium wollen Jesus auf dem Fest sehen. Auf seinem Höhepunkt ist er angekommen: beliebt, umjubelt, bewundert, eine große Jüngerschaft. Jesus aber geht hier nicht mit und spricht vor allem von einem Weizenkorn, das auf den Boden fallen muss, um zu sterben. Er deutet gleichsam auf seinen Tod, sein Kreuz hin. Ja, liebe Gemeinde, dies ist auch auf uns gemünzt, auf uns, die wir schon an einem Leben arbeiten wollen, bevor es richtig beginnt, bevor ein Samenkorn auf die Erde fällt.

Auf uns, die wir begonnen haben, ständig in der Kategorie zu denken, was noch zu steigern wäre. Nicht das Leben bestimmte uns, wir planten seinen Verlauf- so merkwürdig es klingt: bis diese Tage kamen. 

Konzentrieren sollten wir uns darauf, was dem Guten dient. Hier braucht es weiterhin Hingabe.

Jesus legt uns heute aber auch ein Samenkorn in unsere Hände, das unseres eigenen Lebens. Natürlich: vieles könnten wir verbessern und dankbar werden wir zu Recht sein, wenn diverse aktuelle Probleme aufhören.

Aber werden wir uns auch trauen, in Zukunft das Samenkorn auf die Erde zu legen und einmal abzulassen? Oder- nachdem diese Zeit überwunden ist- wollen wir dann nicht alles gleich wieder in der Hand behalten, in die Hand nehmen? 

Jesus weist auf sein Sterben hin und es ist wie mit diesem Samenkorn. Er gibt sich hin, so hart das klingt. Er fängt aber auch an zu vertrauen. Jesus spricht von einer aufgehenden Saat, von vielen Früchten und führt uns auch zu diesem wunderbaren Moment. 

Sein Kreuz, liebe Gemeinde, sehen wir in der Passion vor uns. Es wird mehr und mehr auch durch die aktuellen Ereignisse nahbar, steht aber zu unserem bisherigen Lebensstil weiterhin in einem klaren Gegensatz. Es steht konträr zu einem Lebensentwurf, der vorsieht, gleich alles auszuklammern, was Angst machen könnte und noch Mängel kennt.

Unweigerlich stellt sich für mich nicht nur die Frage, liebe Gemeinde, ob wir wirklich immer alles beherrschen oder beheben können? Wie stark wird die Enttäuschung sein, falls dies in einigen Bereichen mal nicht gelingt? Es stellt sich zudem die Frage, ob wir besonders vor dieser Zeit überhaupt noch ein Ohr für die hatten, die in Not waren. Immer bestand gleich der Ansatz, im Vorwege alles zu planen. Mehr und mehr wurde die Perfektion alltäglich zur Messlatte. Jetzt spüren wir, wie es anderen in schwierigen Situationen geht oder wie Lebensverläufe anderer immer sind, weil sie weder ein noch aus wissen- leider.

Jesus aber lässt uns in dieser Zeit nicht allein, entwirft aber ein ganz anderes Verständnis von Leben. Das eines Weizenkorns, das gerade Frucht bringt, wenn es nicht alleinig mehr in unserer Hand liegt. Sichtbar wird hier ein Leben, das auch dann Leben ist, wenn es schwer fällt oder sich eben auch mal ohne Perfektion entwickelt. Es ist vielleicht gut, einmal darüber nachzudenken, an welcher Stelle wir das Leben zu fest in der Hand hatten und worauf es wirklich ankommt oder wer uns im Stillen hält.

Jesus appelliert gleichsam an uns. Vertrauen dürfen wir, gerade jetzt am Tiefpunkt. Und genauso sollte es auch weiterhin, nach dieser Zeit, selbstverständlich sein, dass die nicht ausgegrenzt werden, bei denen es nicht optimal läuft. Oft galten kühle ökonomische Standards auch schon bei uns, bestimmten das Verhältnis zueinander, die Sichtweise auf andere. 

Es gehört auch nach der Krise dazu, auf die Hilfe und Annahme anderer vertrauen und hoffen zu dürfen, in dessen Hände wir uns legen dürfen. Wir brauchen das: uns fallen lassen zu können im Glauben daran, einiges mal nicht ganz in der Hand zu haben und Gehaltene zu sein- auch von Gott. Das ist ein neuer , wenngleich realistischer Blick auf das Leben, das wir bisweilen wie das Samenkorn hinlegen müssen, in andere Hände- damit eine Verheißung, ein Versprechen Gottes, wahr wird: eine grünende Pflanze, die wachsen wird.

Pastor Christian Carstens




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